Narzissmus 2.0 – und die Frage aller Fragen

Narzissmus 2.0

Narzissmus steht in etwa für die Selbstverliebtheit und -bewunderung eines Menschen, der sich selbst wichtiger nimmt als die ihn beurteilenden Mitmenschen.

Der Narziss war in der griechischen Sagenwelt ein junger Mann, der die Liebe anderer Menschen aus Stolz auf seine eigene Schönheit verschmähte und sich stattdessen unsterblich in sein Spiegelbild verliebte (damals noch im reinen Wasser einer Quelle). Er verzehrte sich daran bis zu seinem Tode.

Ah ja … falls du bei „Narziss“ an die Blume denkst … die Blume, die statt seiner Leiche gefunden wurde, wart fortan „Narzisse“ genannt, so erzählt es die Mär.

Seit jener griechischen Sagengestalt ist ein offensichtlich selbstverliebter Mensch eben ein „Narziss“ .

Früher war der Kreis der Menschen, die man als Solche bezeichnete, sehr eingeschränkt, z.B. waren es Künstler, die sich selbst malen konnten oder Menschen, die es sich leisten konnten, immer wieder gemalt zu werden. Andere lebten ihren „Trieb“ aus, in dem sie sich stundenlang in einen Spiegel oder in einem klaren See betrachteten.

Mit dem Aufkommen der Fotografie und in Verbindung mit dem regelmässigen Erscheinen von Zeitungen und Journalen fand der Narzissmus dort Einzug. Der Narziss fand eine neue Plattform für sein Tun … monatlich, wöchentlich, sogar täglich konnte man sich nun selbst betrachten, wenn man z.B. eine Kolumne schrieb und sein Bild daneben platzierte … und die Klatschspalten waren ein wahres Schlaraffenland für die Befriedigung dieser Vorliebe. Dazu war aber auch ein gewisses Talent von Nöten und/oder Berühmtheit.

Doch was war das alles gegen die heutigen, virtuellen, beruflichen und „sozialen“ Netzwerke. Nun kam man seinen Gelüsten freien Lauf lassen, ohne wirkliche Zensur … und berühmt braucht man eigentlich auch nicht zu sein, um ein Bild von sich zu posten … und das Profilbild kann man verändern, so oft man möchte.

Es lebe der neue Narzissmus!

Man braucht dieses – doch eher negativ behaftete – Wort auch gar nicht mehr zu verwenden, denn schon in Höheren Schulen wird heute Marketing gelehrt und als Spezialform das „Selbstmarketing“ … welch grossartige Tarnung das bietet.

Nun kann man aus allen Lebenslagen heraus zeigen

wie man aussieht,
was man kann,
wieviel Geld man verdient,
welch tolle Yogaposen man beherrscht …

…. mit einem Lächeln direkt in die Kamera und gemacht für die Ewigkeit … und ein kleiner Text erklärt das aktuelle Befinden, zum Zwecke der eigenen Vermarktung, ob beruflich oder privat.

Wenn ich heute so durch Facebook und Instagram wische (oder surfe), sehe ich sehr viele Postings, bei denen ich mir jedoch schon einmal die Frage stelle, ob der Inhalt des Beitrages auch das Bild jener Person braucht, die es geschrieben hat.

Was möchte mir diese Person damit sagen oder möchte sie MIR überhaupt etwas sagen … oder doch eher sich selbst … dem eigenen Spiegelbild?

Doch wozu postet diese Person dann etwas?

***

Wo ist denn nun die Grenze zwischen Narzissmus und dem Selbstmarketing in Zeiten der virtuellen, sozialen und beruflichen Netzwerke? Sie verschwimmt merklich, der Narzissmus erhält eine neue Form, Narzissmus 2.0 – wenn man so möchte.

Es beginnt natürlich vorrangig wieder bei einem selbst: warum postest man Bilder von sich selbst? Weil man es selbst sehen möchte, weil man sich Bestätigung erhofft … oder weil es einen echten Zweck erfüllt?

Damit du dir all diese Fragen selbst beantworten kannst, gebe ich dir eine kleine Achtsamkeitsübung mit … als Unterstützung: Stell dir ein Leben ohne Spiegel vor und ohne Fotografie. Blicke auch nicht ins klare Wasser. Wie siehst du dich dann selbst und wie wohl fühlst du dich dabei, dass dich eigentlich „nur“ die anderen Menschen sehen?

Wer bist du eigentlich wirklich?

Also ich bin …

Wolfgang Lugmayr (hier ohne Foto), der Autor dieses Artikels, ist Dipl. Meditations- und Achtsamkeitslehrer. Er wohnt mit seiner Herzens- und Lebenspartnerin Michaela aktuell im idyllischen Städchen Ottensheim an der Donau/Oberösterreich.

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